Sönkes Grab
Mein ältester Sohn Sönke starb 1982 an einem Badestrand des Mittelmeeres. Er war fünf Jahre alt geworden. Als er ertrank, war unsere neunjährige Pflegetochter mit ihm zusammen im flachen Wasser. Sönkes Mutter lag mit unserem zweiten Sohn Sven auf einer Decke unmittelbar dort, wo die Kinder immer mit Sand und Wasser spielten. Ich war noch einmal zum Wohnwagen gegangen, weil wir etwas mitzunehmen vergessen hatten.
Fremde Menschen, ich weiß bis heute nicht wer, hatten Sönke leblos im Wasser gefunden und an den Strand gebracht. Wie Sönke starb, weiß ich nicht. Beate hatte später etwas von einer großen Welle erzählt und davon, dass ein fremder Mann sie aus Lebensgefahr gerettet habe. Aber eine solche Welle hätte die Decken am Strand und damit auch Maren und Sven erreichen müssen....
Viele Jahre lang pflegten Maren und ich Sönkes Grab gemeinsam.
Dann trennte sich meine Frau von mir und zog aus dem Dorf fort, in dem Sven und sein Bruder Björn, den wir nach dem Tod von Sönke bekommen hatten, aufgewachsen waren.
Von nun an pflegte ich das Grab allein. Nach einigen Jahren ging ich nicht mehr so häufig zum Friedhof, um die Blumen zu gießen. Außerdem war nicht gesichert, dass sich jemand sich um das Grab kümmerte, wenn ich im Urlaub unterwegs war. Deshalb bepflanzte ich das Grab mit einem Bodendecker, der nur gelegentlich geschnitten werden musste. Da Maren inzwischen nicht mehr mit mir sprach, konnten wir auch die Bepflanzung des Grabes nicht gemeinsam planen.
Es wiederholte sich nun mehrfach, dass ich aus dem Urlaub zurück kam und das Grab erbärmlich aussah: Ein Gurkenglas war zwischen die Pflanzen gestellt worden, in dem Glas standen die schwarzen, vergammelten Reste eines Blumenstraußes. Wenn ich das Gurkenglas entsorgt hatte, blieb ein rundes Loch mitten in den Pflanzen, weil die Zweige und Blätter unter dem Glas abgestorben waren.
Ich erfuhr nicht, wer die Blumen auf das Grab gestellt hatte. Deshalb gab es auch niemanden, dem ich sagen konnte, er solle doch die verblühten Sträuße wieder entsorgen oder mir wenigstens eine Nachricht zukommen lassen, damit ich mich darum hätte kümmern können.
Eines Tages glaubte ich, nicht richtig zu sehen: Auf Sönkes Grab waren sämtliche Pflanzen herausgerissen worden. Statt dessen war eine Schicht weißer Marmorsplit eingeschüttet, ein fertig gekauftes Gesteck aus dem Baumarkt lag darauf und - ein Gurkenglas mit einem Blumenstrauß.
Das alles konnte im September 2009 noch nicht lange geschehen sein. Die Blumen waren noch nicht verwelkt.
Ich erkundigte mich bei allen Personen, die etwas wissen könnten, wer wohl das Grab so nachhaltig verändert hat. Aber im Dorf weiß niemand, wer es getan hat.
Nun könnte sich ein Besucher dieser Webseite fragen, warum ich nicht die naheliegendste Möglichkeit annehme. Wahrscheinlich ist es wohl Maren gewesen, die Blumen in einem Gurkenglas auf das Grab ihres Sohnes gestellt hat. Sicher bin ich mir dabei aber nicht, denn Gurkengläser als Grabschmuck entsprechen eigentlich nicht dem Geschmack von Sönkes Mutter, wie ich sie aus der Zeit unserer Ehe kenne.
Nun könnte sich der Besucher dieser Webseite weiter fragen, warum ich nicht einfach Maren anrufe oder ihr schreibe. Nun, die Erklärung ist ganz einfach: Ich darf es nicht. Wenn ich dem nicht folge, droht mir ein Ordnungsgeld in absurder Höhe. Wie es dazu kam, erzähle ich auf der nächsten Seite: Das Geheimnis.
Nachtrag:
Nach Ablauf der Ruhezeit wurde Sönkes Grab 2013 von der Gemeinde eingeebnet. Mein Dank geht an die Mitarbeiter der Gemeinde Wabern, die den formalen Ablauf mit Sönkes Mutter und mir so organisiert haben, dass kein weiterer Konflikt zwischen uns entstand.